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28.06.2016 - Am 28. Juni findet der traditionelle Christopher-Street-Day statt, ein weltweiter Gedenk- und Demonstrationstag von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans*- und Inter*-Personen (LGBTIQ). An diesem Tag wird für die Rechte dieser Gruppen sowie gegen Diskriminierung und Ausgrenzung demonstriert und gefeiert.

Auch die von pbi begleitete Organisation Arcoíris (Regenbogen) setzt sich für die Rechte sexueller Minderheiten und juristische Aufarbeitung zahlreicher Morde an LGBTIQ in Honduras ein.

Transaktivistin und Koordinatorin der Trans* Frauengruppe Muñecas de Arcoíris, Frenessys Sahory Reyes in Hamburg_1Während einer Veranstaltungsreihe zu Hassverbrechen an honduranischen LGBTIQ Mitte Mai, sprach pbi mit der Transaktivistin und Koordinatorin der Trans* Frauengruppe Muñecas de Arcoíris, Frenessys Sahory Reyes, über die Situation der LGBTIQ-Gemeinschaft und Menschenrechtsverteidiger_innen in Honduras.

pbi: Wie sieht die Arbeit der Trans*Frauengruppe von Arcoíris aus?

Frenessys: Die Arbeit unserer Organisation umfasst die politische Advocacyarbeit, Sensibilisierung der staatlichen Funktionär_innen sowie der Gesellschaft im Allgemeinen. Wir bieten Informationen über HIV-Prävention sowie sexuell übertragbare Infektionen. Die Vereinigung Arcoiris hat einen Bericht über ökonomische, soziale und kulturelle Rechte erstellt. Auch einen Bericht zu Hassverbrechen und zur Situation der Menschenrechte der LGBTIQ-Gemeinschaft in Honduras gibt es schon. Diese Dokumente sind Basiswerkzeuge zur Dokumentation der Menschenrechtsverletzungen welche die LGBTIQ-Gemeinschaft erleidet und zur Sensibilisierung der honduranischen Gesellschaft.

Den Betroffenen und Organisationen bieten wir Trainings zum Thema der Selbstachtung an. Ich bin keine Psychologin, aber ich gebe den Betroffenen psychologische Unterstützung, vor allem beruhige ich sie, rede mit den Compañeras wenn sie sich alleine fühlen und Diskriminierung zu Hause erlitten haben.

pbi: Wie ist die Situation von LGBTIQ in Honduras?

Frenessys: Transsexualität und andere Geschlechteridentitäten werden von der Regierungspraxis eingeschränkt und vom Zugang zu den bürgerlichen Rechten ausgeschlossen. In Honduras fehlt es am politischen Willen der nationalen Autoritäten einen spezifischen juristischen Rahmen, der über Geschlechteridentität und sexuelle Orientierung spricht, zu kreieren.

Noch schlimmer ist, dass die nationalen Autoritäten ihren Anteil an der Kriminalisierung der Bevölkerung haben. Die Situation der Menschenrechtsverteidiger_innen in Honduras ist sehr prekär. Wir haben keinen Schutz. Der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte hat Honduras zum Schutz der Führer_innen der LGBTIQ-Bewegung aufgefordert. Aber wie wir im Fall der Compañera Berta Cáceres, der Umweltaktivistin und Verteidigerin der indigenen Rechte, die ermordet wurde, sehen, kümmert sich die Regierung nicht um diese Situation und bietet uns Bürger_innen keine Sicherheit. Die Menschenrechtsverletzungen nehmen seit dem Staatsstreich 2009 deutlich zu. Auf Grund dieses Staatsstreichs ist Honduras ein militarisierter Staat und das Militär begeht die meisten Menschenrechtsverletzungen gegenüber der LGBTIQ-Gemeinschaft, und nicht nur gegenüber den LGBTIQ, sondern auch gegenüber anderen sozialen Gruppen und Bewegungen, die zum Thema Menschenrechte arbeiten.

Vor 2009 wurden ein bis zwei Tote pro Jahr gemeldet. Auf Grund des Putsches 2009 stieg die Zahl der Toten durch Hassverbrechen auf 35. Diese Zahl erhöhte sich 2010, sowie 2011 und 2012 bis zum heutigen Tag. Gemäß Statistiken der Staatsanwaltschaft betrug die Zahl der Getöteten durch Hassverbrechen im vergangenem Jahr 116, aber diese Zahlen stimmen nicht mit unseren überein, die viel höher sind. Seit November letzten Jahres bis jetzt wurden sieben Mitglieder der LGBTIQ-Gemeinschaft ermordet. 

pbi: Was ist die Rolle der öffentlichen Institutionen und Behörden?

Transaktivistin und Koordinatorin der Trans* Frauengruppe Muñecas de Arcoíris, Frenessys Sahory Reyes in Hamburg_2Frenessys: Wir sind eine sehr ignorierte Realität für die Regierung. Wir bekommen keinerlei Hilfe. Nach wie vor liegt der nationale Aktionsplan für Menschenrechte von 2013 auf Eis. Es folgen Empfehlungen auf Empfehlungen, zum Beispiel die Empfehlungen Dänemarks, dass eine Geschlechtsidentität für Trans*-Personen beschlossen wird, aber diese Empfehlung stammt aus dem Jahr 2012 und wird nicht in die Praxis umgesetzt beziehungsweise nicht in den nationalen Aktionsplan aufgenommen, um sie in der öffentlichen Politik des Landes zu manifestieren.

Ich freue mich sehr, dass die gestrige Mobilisierung, zum internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie, sehr produktiv war. Ein Gesetztesentwurf zur Geschlechtsidentität wurde an Abgeordnete verschiedener Parteien übergeben, welche dieses Dokument einer Begutachtungskommission übergeben haben, damit diese den Entwurf in das Parlament trägt.

pbi: Und die Rolle der Medien?

Frenessys: Die Medien zitieren den Hass und den Druck gegen die LGBTIQ-Gemeinschaft. Es ist Klatschpresse.

Als ich ein Problem mit der Erneuerung meines Ausweises hatte, wo ich gezwungen wurde mir das Make-up mit Toilettenpapier zu entfernen, sie mir das Haar zurückbanden und mir ein Männerhemd anzogen, denunzierte ich dies in einer viel gelesenen Zeitung und sie brachten es auf der ersten Seite, begeistert darüber, dass ich mein Geschlecht gewechselt habe. So haben sie eine Sensation aus mir gemacht. Wir sehen also, dass es eine Sensationspresse ist, die eine Argumentation des Hasses, auch gegen mich persönlich, anführt.

pbi: Welche Rolle spielt dabei die Gesellschaft von Honduras?

Frenessys: Wir leben in einem machistisch-patriarchal geprägtem Land, wo die Menschen konservativ sind und nicht über solche Themen sprechen. Nachrichten über die LGBTIQ-Bewegung stellen vor allem Anfeindungen dar. In Honduras erleben wir transsexuellen Frauen tagtäglich Gewalt sowohl physische als auch psychologische. Wenn wir durch die Straßen gehen, werden uns sehr hässliche Wörter gesagt und wir werden als Objekte behandelt, und in unserer menschlichen Würde angegriffen.

Ich glaube, es wird für mich eine sehr langwierige Arbeit die Gesellschaft in Honduras zu solchen Themen sensibilisieren zu können. 

pbi: Was ist der Grund deiner Deutschland- beziehungsweise Europareise?

Frenessys: Diese Rundreise sollte die Koordinatorin der Trans*-Frauengruppe Muñecas de Arcoíris machen. Ich habe ihren Platz eingenommen, da sie Morddrohungen bekommen hat und von staatlichen Behörden verfolgt wurde, die zu ihrem Haus kamen und nach ihr fragten und sagten, dass sie besser verschwinden solle, wenn sie nicht sterben wolle. Deshalb musste die Compañera das Land verlassen, aus Angst vor Repressalien gegenüber ihr selbst und ihrer Familie. Denn sie wissen sehr gut, wie man die Menschen einschüchtert. Und nicht nur unmittelbar gegenüber der Person sondern auch gegen ihre ganze Familie.

Erst am Sonntag wurde ein Neffe eines Menschenrechtsverteidigers der LGBTIQ-Gemeinschaft überfallen und umgebracht. So machen sie es, um einzuschüchtern, damit man still-schweigt und sich nicht mehr für den Schutz der Menschenrechte einsetzt.

Ziel der Reise ist es, politische Advocacy mit Abgeordneten des europäischen Parlaments zu machen, um Allianzen mit anderen Organisationen zu bilden, die uns mit ihrer Solidarität dabei helfen uns auf globaler Ebene zu artikulieren, über die Diskriminierungen und Menschenrechtssituation in Honduras.

Der Gesellschaft möchte ich sagen, dass es viele Menschen gibt, die uns nicht tolerieren und uns Gewalt, sowohl physische als auch psychiche, antun. Wir sind Personen, die niemandem in der Gesellschaft schaden, wir wollen nur, dass unsere Rechte als Bürger_innen anerkannt werden. Und dies sind keine besonderen Rechte, denn kein Mensch hat besondere Rechte. Alle Rechte sind gleich und wir fordern unsere Rechte ein.

Das Interview führte Nadine Rosenkranz.

Anmerkung:
Seit dem Interview wurden mindestens drei weitere LGBTIQ-Aktivist_innen in Honduras umgebracht. 

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