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01.06.2022 – Sümpfe sind für das Ökosystem unverzichtbare Gewässer, die eine außergewöhnliche Flora und Fauna beherbergen. Die Naturphänomene ziehen jedoch auch Unternehmen an, die die Umwelt zu schädigen und zu zerstören drohen, wie im Fall der Flüsse und Sümpfe von Magdalena Medio. In dieser Region, schreiten der Bergbau, die Agrarindustrie und die extensive Viehzucht immer weiter voran und zerstören dabei Gebiete, die von Gemeinschaften bewohnt werden, die schon seit Generationen dort leben.

Kolumbien: Zum Schutz von Wasser und Leben - Die Sümpfe des PajaralDie Sümpfe von Pajaral in der Ge­meinde Canta­gallo im Departe­ment Sur de Bolívar ist ein Bei­spiel für die Umwelt­zerstörungen, denen die Wasser­becken von Magdalena Medio aus­gesetzt sind. Dieser Sumpf, dessen Wasser­menge seit 2017 drastisch ab­ge­nom­men hat, ist nicht nur für das öko­logische Gleichgewicht von grund­legender Bedeu­tung, sondern auch für die mehr als 300 Familien, die hier leben. Seit 2018 kämpfen die Orga­nisationen CREDHOS, die seit 1995 von pbi begleitet wird, und Fapamucan daher für den Schutz und die Re­naturierung dieses Sumpf­gebietes. In einem Inter­view mit Juan Camilo Delgado Gaona, Umwelt­ingenieur von CREDHOS, und Manuel Camilo Ayala Sandoval, dem Anwalt der Orga­nisation, haben wir den Prozess des Wider­standes und der Ver­tei­di­gung des Pajaral-Sumpfes beleuchtet.

„Ich werde mich immer an diesen Dezember 2018 erinnern. Wir waren auf einer Silvesterparty und in dem Moment erhielten wir die Anfrage von Gabriel Torres. Er ist ein Menschenrechtsverteidiger und Förderer von CREDHOS in der Gemeinde Cantagallo.“ Am 22. Dezember 2018 hatte er das besagte Gebiet besucht, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Was sich dort zeigte und von den Fischer:innen vor Ort geschildert wurde, war besorgniserregend: Abholzungen mit schweren Maschinen hatten die natürliche Barriere zwischen dem Sumpf und dem Fluss Cimitarra zerstört. Dadurch entstanden Wasserkanäle zwischen dem Fluss und dem Sumpf, die dem Ökosystem schaden. Neben dem Ausbau von Monokulturen und Viehzucht, lässt sich diese Zerstörung vor allem auf einen Industriezweig zurückführen: „Am meisten beunruhigt uns die Tatsache, dass wir systematische Schäden feststellen, die möglicherweise mit dem Vormarsch der Kohlenwasserstoffindustrie zusammenhängen, insbesondere mit der Tätigkeit der Firma Ecopetrol. Es wurden einige Explorationsstudien durchgeführt und festgestellt, dass es möglicherweise Bereiche gibt, in denen Ölquellen vorhanden sein könnten“, erklärt das Team von Menschenrechtsaktivist:innen.

Heute ist der Sumpf um mehr als 70 % geschrumpft, wie aus den verschiedenen CREDHOS-Berichten hervorgeht. Früher war der Wasserspiegel mehr als fünf Meter hoch, heute misst er in der Mitte kaum noch einen Meter. Und das obwohl der Pajaral-Sumpf Teil eines gesetzlich geschützten Waldreservates ist. „Alles, was durch das Waldreservats-Gesetz geschützt ist, kann nicht in die Landvergabe für Privatpersonen einbezogen werden, solange keine Ausnahmeregelung festgelegt wird“, betonen die Verteidiger:innen.

Obwohl die Fischer:innen die Situation mit Hilfe von FAPAMUCAN schon lange vor dem Vorstoß von CREDHOS angeprangert hatten, ergriffen die zuständigen Umweltbehörden keine Maßnahmen zur Abmilderung der Auswirkungen. Die FAPAMUCAN besteht aus zwölf Vereinigungen, von denen die Hälfte vom Innenministerium als afro-kolumbianische Organisationen anerkannt ist und die andere Hälfte sich im Anerkennungsverfahren befindet. Mit der Unterstützung von CREDHOS beschlossen sie, ein Gerichtsverfahren einzuleiten. „Nach der Prüfung der Unterlagen und Dokumente entschlossen wir uns dazu, eine Klage einzureichen, um zu versuchen, auf gerichtlichem Wege die Republik dazu zu bringen, den Schutz des Pajaral-Sumpfes anzuordnen“, beschreibt Ayala. Konkret wurde die Klage gegen das Bürgermeisteramt von Cantagallo und gegen die Umweltbehörde von Sur de Bolívar, wegen Nichterfüllung ihrer Pflichten eingereicht. Im März 2019 hat ein Verwaltungsgericht von Cartagena die Klage angenommen.

Auf Ersuchen von FAPAMUCAN hatte die Umweltbehörde das Gebiet bereits 2018 betreten und eine Warnung zu den Beobachtungen im Sumpf ausgesprochen. Es wurden jedoch keine größeren Maßnahmen zur Beseitigung der Schäden ergriffen. Im Gegenteil: 2019 wurde die Behörde im Rahmen des Klageverfahrens erneut aufgefordert, Maßnahmen zu ergreifen, kam dem aber erneut nur langsam nach. Die Verteidiger:innen dazu: „Als Kläger haben wir unsere Beweise vorgelegt, aber die Behörde hat sich nicht an die Anordnung des Richters aus dem Jahr 2019 gehalten. Sie musste eine eingehende Studie, eine Bestandsaufnahme der Schäden, durchführen, um eine Entscheidung darüber treffen zu können, wie mit der Renaturierung des Sumpfes begonnen werden kann. Von diesem Bericht erfuhren wir erst im Februar 2022, und wir mussten feststellen, dass die Behörde anstelle einer gründlichen Studie mit eigenen Mitteln usw. praktisch ein Plagiat oder einen Betrug mit den von CREDHOS erstellten Dokumenten oder Berichten begangen hat.“ Bedauerlicherweise schloss das Gericht aufgrund des unvollständigen Berichtes der Behörde die Beweisfrist.

Zusätzlich zu der Klage hat CREDHOS eine Reihe von Dringlichkeitsmaßnahmen wegen der Überschwemmungen ergriffen, die durch diese Umweltzerstörung verursacht wurden. Ebenfalls im November 2020 wurden weitere vorsorgliche Maßnahmen beantragt, die Anfang 2022 genehmigt wurden. Delgado erklärt, dass das Sumpfgebiet im Zuge der Maßnahmen eingezäunt und abgesperrt wird, um darauf hinzuweisen, dass ein rechtliches Verfahren läuft und dass es sich um ein Gebiet mit besonderem ökologischen Schutz handelt. Dadurch kann es nicht weiter für wirtschaftliche Aktivitäten, wie den Ausbau von Monokulturen und Viehzucht genutzt werden.

Auch über internationale Lobbyarbeit setzt sich CREDHOS für die Renaturierung und den Schutz des Pajaral-Sumpfes ein. So konnten sie an verschiedenen Orten auf der Welt Aufmerksamkeit für die Situation schaffen, darunter auch Universitäten in Mexiko, Brasilien und Deutschland. Außerdem sei es laut Delgado „durch die Arbeit von pbi gelungen, beim Berichterstatter der Vereinten Nationen für Trinkwasser und Abwasserentsorgung zu intervenieren.“

Kolumbien: Zum Schutz von Wasser und Leben - Die Sümpfe des Pajaral

Der Schutz der Umwelt ist von grundlegender Bedeutung für den Fortbestand aller Gesellschaften. In Kolumbien sind die für die Durchführung dieser Arbeit erforderlichen Sicherheitsbedingungen allerdings nicht gegeben. So stufte die Organisation Global Witness Kolumbien zwei Jahre in Folge als das gefährlichste Land für Umweltschützer:innen ein. Ein konkretes Beispiel für diese Gefahr sind die unzähligen Drohbriefe, die von bewaffneten Akteur:innen verteilt werden und sich direkt gegen Organisationen richten, die von pbi begleitet werden. Im Februar 2022 wurde Ramón Abril, ein Vorstandsmitglied von CREDHOS, in einem Schreiben von der paramilitärischen Gruppe AGC bedroht. Dies ist bei weitem kein Einzelfall und die Drohungen sind allgegenwärtig. Auch Umweltschützer:innen, die sich für den Schutz des Wassers und gegen Fracking einsetzen, sind ernsthaft bedroht. Das Epizentrum des Widerstandes gegen Fracking befindet sich in Puerto Wilches, einer Gemeinde an der Grenze zu Cantagallo, wo Menschen wie Carolina Angón, eine Menschenrechtsaktivistin von CREDHOS, und Yuvelis Morales, eine Aktivistin des Komitees AguaWil, wegen Morddrohungen und direkter Angriffe ihre Heimat verlassen mussten.

Trotz des hohen Risikos ist der Widerstand von Menschenrechtsorganisationen wie CREDHOS ungebrochen. Sie setzen sich weiterhin für Umwelt- und Menschenrechte ein, um ein Gleichgewicht zwischen der Natur und den Bedürfnissen der Gemeinschaften zu erreichen. Ayala abschließend: „Wir hoffen, dass das Urteil im Sinne der Fischer:innen ausfällt und wir in diesem Prozess vorankommen, denn wenn Pajaral und die Volksinitiative einen wichtigen Sieg erringen, wird dies auch einen Präzedenzfall für den Schutz der anderen Sümpfe schaffen.“

Artikel: pbi Kolumbien; Übersetzung: Praktikant Laszlo Steinwärder

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