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6.11.2018 – Stephen Mwangi ist in Mathare, einem der größten marginalisierten Viertel Nairobis in Kenia aufgewachsen. Seit drei Jahren engagiert er sich für das Mathare Social Justice Center und koordiniert Kampagnen, um den Kampf gegen außergerichtliche Hinrichtungen voranzutreiben. Neben seiner Arbeit für das Zentrum für soziale Gerechtigkeit studiert er Recht. Während seines Besuchs in der Schweiz haben wir mit ihm ein Interview geführt.

pbi: Erzähle uns bitte vom Zentrum für soziale Gerechtigkeit in Mathare und deiner Arbeit

Mwangi: Die Polizeigewalt in den informellen Quartieren Nairobis stellt für die armen, sozial marginalisierten Bevölkerungsschichten eine konstante Bedrohung dar. Von Drohungen, Raub, Vergewaltigung, physischen Angriffen bis zu außergerichtlichen Hinrichtungen, muss man in diesen Quartieren mit allem rechnen. In meiner Arbeit beim Zentrum kämpfe ich gegen die Normalisierung dieser Gewalt. Wir dokumentieren die Übergriffe und leiten diese an die zuständigen Behörden weiter. Zwischen 2013 und 2017 haben wir 800 Fälle aufgenommen, inklusive Namen der Opfer und Aggressoren sowie die zur Wiedergutmachung unternommenen Handlungen.

Unsere Kampagnen verfolgen zwei Ziele: Auf gesellschaftlicher Ebene  sensibilisieren wir die Bevölkerung und zeigen auf, dass Gewalt nicht normal ist. Auf rechtlicher Ebene begleiten und unterstützen wir die Familien der Opfer vor Gericht, um Entschädigungen sicherzustellen.

Durch unsere Arbeit werden das Zentrum und wir selbst Zielscheibe von Drohungen seitens der Polizei. Dies stellt uns immer wieder vor grosse Herausforderungen. Der Kampf gegen außergerichtliche Hinrichtungen ist ein neues Thema. Je größer unser Netzwerk ist, desto mehr wird man über dieses Problem sprechen.

Wie wird eure Arbeit durch die Gemeinschaften wahrgenommen und wie reagieren die Behörden?

Mwangi: Allmählich wird den Gemeinschaften bewusst, dass das Verhalten der Polizei nicht normal ist. Sie erkennen den Umfang des Problems und dass ein gemeinsames Vorgehen notwendig ist, um Wirkung zu entfalten. Trotzdem ist es sehr schwierig, Zeugen für eine Aussage vor Gericht zu bringen. Die Angst vor der Polizei ist omnipräsent, weshalb man sich so wenig wie möglich exponiert, auch wenn der Wille auszusagen vorhanden ist. Dies ist gut nachvollziehbar, da Polizisten nicht gut auf Anzeigen gegen Arbeitskollegen zu sprechen sind.

Doch die Unterstützung der Bevölkerung wächst. Letzten Juli organisierten wir einen Marsch von den marginalisierten Vierteln bis hin zum Stadtzentrum, um bei der Regierung und der UNO eine Petition gegen die außergerichtlichen Hinrichtungen einzureichen.

Die Behörden reagieren leider nie auf individuelle Anzeigen. Umso mehr Fälle wir anzeigen, desto kleiner fällt die Reaktion aus. Zwar ist vor langer Zeit eine Polizeireform versprochen worden, doch momentan tut sich in dieser Richtung auch nichts.

Was ist der Beitrag von pbi zu eurer Arbeit?

Mwangi: Es ist eine große Erleichterung für uns zu wissen, dass wir nicht alleine sind. Vor allem die physischen Begleitungen zeigen Wirkung, da die Polizisten viel weniger zu Einschüchterungsversuchen geneigt sind, wenn wir begleitet werden. Ebenso die zahlreichen Kontakte welche wir durch pbi zur Regierung oder zur UNO knüpfen können.

Was sind eure Perspektiven für die Zukunft?

Mwangi: Das Zentrum für soziale Gerechtigkeit in Mathare ist gewachsen und ähnliche Zentren sind in den umliegenden marginalisierten Quartieren Nairobis, wie Kayole und Dandora, eröffnet worden. Durch die regionale Vernetzung der Aktivist_innen wird deren Netzwerk umfangreicher, was sich umgehend auf die Wirkungskraft niederschlägt. Mit jeder Person, die gegen die Normalisierung der Gewalt mobilisiert werden kann, treten wir ein Stück aus der Marginalisierung heraus. Jede und jeder ist in der Bewegung willkommen, nicht nur die Aktivist_innen. Die Bevölkerung muss sich für ihre Rechte einsetzen. Die Menschenrechte sind kein Privileg. Deren Politisierung muss ein Ende nehmen. Nur so können die Personen wissen, welches ihre Rechte sind und wie sie bei Verletzungen vorgehen müssen.