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18.09.2017 — „Eine meiner Motivationen als Menschenrechtsaktivistin zu arbeiten, ist die Zusammenarbeit mit den Gemeinden. Insbesondere, um ihnen zu helfen, Wege zu finden, die jetzige Lage zu verbessern und für ihre Rechte und Bedürfnisse einzustehen.”

Ich komme aus einer Familie mit vier Töchtern und mein Vater war nie wirklich präsent. Trotzdem habe ich niemals eine Vaterfigur zu Hause vermisst, weil meine Mutter mir ein sehr großes Vorbild war. Ihr Spruch war immer: ”Was auch immer du machen willst, du kannst es schaffen.” Jedes Mal, wenn wir uns darüber beschwerten, keinen Bruder zu haben, der die handwerklichen Aufgaben im Haushalt übernehmen könnte, motivierte sie uns die nötigen Tätigkeiten selber zu erlernen und umzusetzen.

Das Aufwachsen in Nairobi war aufgrund der Art wie hier mit Frauen umgegangen wird gleichzeitig herausfordernd und frustrierend. Meine Mutter beschützte uns so gut wie möglich vor der Gewalt gegen Frauen in unserer Gesellschaft, aber je älter ich wurde desto mehr erkannte ich diese Gewalt. Von diesem Moment an, entwickelte ich eine sehr starke Meinung zu diesem Thema und machte lautstark auf das Problem von sexueller und geschlechtsbezogener Gewalt aufmerksam. Auch wenn ich feststellen musste, dass niemand kämpferische Frauen mag (lacht).

Von der Polizei als ”Nutte” bezeichnet zu werden, weil ich nach 21:00 Uhr alleine in einer Nachbarschaft wie den Westlands (eine wohlhabende Gegend in Nairobi) spaziere und sie daraufhin anbetteln zu müssen, mich nicht festzunehmen und Nervosität zu spüren, wenn ich nachts alleine nach Hause gehe – das sind nur ein paar Beispiele von vielen Belästigungen und Schikanen, die das alltägliche Leben beeinflussen.

An manchen Tagen willst du einfach nicht mehr dein Haus verlassen oder mit dem Matatu (Sammeltaxi in Kenia und Uganda) fahren, weil es egal ist, wie du aussiehst, wie du dich kleidest oder dich benimmst. Wir Frauen werden zur Zielscheibe, nur weil wir Frauen sind. Dieses Problem ist hier so zur Normalität geworden, dass viele Fälle von Belästigungen gar nicht erst gemeldet werden. Mädchen und Frauen aus allen Altersgruppen müssen lernen, sich zu beschützen. In Mathare (eine der größten städtischen Siedlungen in Nairobi) z.B. lernen Frauen, die alt genug sind, um Großmütter zu sein, Selbstverteidigung, um sich vor Vergewaltigern zu schützen.

Meine Leidenschaft für den Kampf für Menschenrechte entfachte, als ich auf die Highschool für unterprivilegierte Maasai Mädchen in Kajiado County kam. Ich realisierte, wie glücklich ich mich schätzen konnte, und dass harte Arbeit sich im Leben auszahlt, egal welchen sozialen Hintergrund man hat. Damals brach eine meiner 16- jährigen Mitschülerinnen die Schule ab, da sie schwanger wurde und keines der anderen Mädchen überraschte dies. Aus diesem Grunde begann ich über dieses Thema nachzuforschen, um herauszufinden, wie man gewissen Mädchen aus bestimmten Gemeinden helfen könnte. Währenddessen fand ich einige Freunde in Narok, die Mädchen aus Frühverheiratung befreiten und ihnen ermöglichten, in die Schule zu gehen.

Als ich 2010 anfing, Jura zu studieren, wurde es mir ermöglicht, mit jedem einzelnen Aspekt des Grundgesetzes sowie der fundamentalen Menschenrechte vertraut zu werden. Während meines zweiten Jahres am College besuchte ich im Zuge eines Praktikums (dieses absolvierte ich bei einer Organisation für gemeinschaftliche Sanitäranlagen und Hygienefragen) zum ersten Mal Mathare:

Je tiefer man in die Siedlung kommt, desto mehr wird die enorme Ungleichheit zwischen Mathare und anderen Teilen Nairobis deutlich. Je mehr Zeit ich in Mathare verbrachte, desto mehr verstand ich, dass jeder dieselben Rechte und Möglichkeiten haben sollte – genau so wie die Menschen in anderen Teilen Nairobis. Wenn man über das Klischee Mathares, als eine ”Ansammlung von Slums” oder ”eines der ältesten Slums in Afrika” hinwegsieht, entdeckt man eine pulsierende Gemeinschaft von Leuten, die einfach versuchen zu überleben. Natürlich müssen sich einige Dinge verändern, aber es ist nichts falsches daran, aus Mathare zu stammen(1).

Nach meinem Jurastudium entschloss ich mich dazu, meine Fähigkeiten für Menschen einzusetzen, die nicht in der Lage sind, sich selber zu verteidigen oder zu schützen. So stieß ich auf die internationale Organisation Nonviolent Peace Force (NP), die sich für den Schutz der Zivilbevölkerung einsetzt. Ich schaffte den Sprung und arbeitete für diese Organisation ein Jahr lang auf den Philippinen, weil ich sehr neugierig darauf war, wie die Zivilbevölkerung durch effektives Training zum Selbstschutz kam. Was ich am meisten an NP und meiner Arbeit dort geschätzt habe, war: das Prinzip der Gewaltlosigkeit, die Neutralität und der Umstand, dass die lokalen Partner als wichtigster Antrieb für die Veränderung galten. Eine meiner Motivationen für die Arbeit als Menschenrechtsaktivistin ist die Zusammenarbeit mit den Gemeinden. Insbesondere, um ihnen zu helfen, Wege zu finden, die jetzige Lage zu verbessern und für ihre Rechte und Bedürfnisse einzustehen.

Ich wünsche mir mehr Aufmerksamkeit für weibliche Menschenrechtsaktivistinnen sowie für die Probleme, gegen die sie ankämpfen. Es gibt so viele Frauen und Männer, die ihr bestes geben, um Mädchen und Frauen in ihren Gemeinden – von denen wir noch nie gehört haben — zu beschützen. Eine weibliche Menschenrechtsaktivistin zu sein, kann von Zeit zu Zeit demotivierend sein. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich niemals etwas verändern wird und ich frage mich: ”Wem und wie helfe ich hier gerade überhaupt?”. Trotzdem kann ich sagen, dass es eine wundervolle Erfahrung ist, ein Teil der Gruppe zu sein, die das Toolkit zusammenstellt — das liegt unter anderem an der Zusammenarbeit mit ähnlich denkenden und inspirierenden Menschen, deren Stimmen laut sind, und die nie aufgeben, egal wie viele Hindernisse sich in ihren Weg stellen.

Maria Mutauta

(1) Maria ist ein aktives Mitglied des Mathare Social Justice Centres