27.03.2021 (FriedensForum Heft 2/2021) – Seit 1981 sind die peace brigades international (pbi) eine führende internationale Menschenrechtsorganisation für unbewaffnete Schutzbegleitung und Menschenrechtsbeobachtung in Konfliktgebieten, z.B. in Lateinamerika, Nepal, Indonesien und Kenia. Auf Anfrage begleiten internationale pbi-Teams Einzelpersonen, Organisationen der Zivilgesellschaft und soziale Bewegungen. Ihre Präsenz soll ihnen ermöglichen, ihre Arbeit trotz vielfältiger Drohungen fortzusetzen. Joana Kathe war 2016 für ein Jahr als freiwillige Schutzbegleiterin in Honduras im Einsatz und arbeitet jetzt als Beraterin für den ZFD bei pbi. 

Friedensforum_Heft2_2021FriedensForum (FF): Joana, was sind die handlungsleitenden Ziele in den unterschiedlichen Kontexten, in denen pbi-Einsätze stattfinden, welche Prinzipien sind grundlegend für die internationale Präsenz, und welche Aufgaben gibt sich pbi in diesem Rahmen?

Joana Kathe (JK): Unser zentrales Ziel des begleitenden Schutzes von Menschenrechtsverteidiger*innen (MRV) beruht auf der Überzeugung, dass sie bedeutungsvolle Akteure in Konflikttransformationsprozessen sind, die aufgrund ihrer Arbeit für die Einhaltung der Rechte und die Wiederherstellung der Würde marginalisierter Gruppen Gewalt erfahren. Deshalb haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, MRV mit der Präsenz unserer internationalen Teams darin zu unterstützen, in relativer Sicherheit zu arbeiten und ihren Handlungsspielraum zu weiten. Die praktischen Arbeitsinstrumente divergieren je nach Kontext und reichen von physischer Präsenz und Begleitung, Menschenrechtsbeobachtung, Kapazitätsentwicklung bis hin zu dem Aufbau internationaler Unterstützungsnetzwerke für lokale Friedensinitiativen. Sie werden getragen von unseren vier zentralen Prinzipien: Gewaltfreiheit, verstanden als Ablehnung von Gewalt jeglicher Art und jedweder Quelle; Internationalität als Selbstverständnis einer Vertretung der internationalen Gemeinschaft auf Anfrage; Nichtparteinahme im Sinne einer Nichteinmischung in die Arbeit der Begleiteten und die offizielle Politik des Gastgeberlandes und schließlich das Prinzip der Horizontalität – pbi orientiert sich an einem nicht-hierarchischen Modell der Organisation.

FF: Welchen Formen der Gewalt sind die Menschenrechtsverteidiger*innen ausgesetzt?

JK: Konkret beobachten wir etwa offensichtliche Überwachungen, Diffamierungen, Drohungen, Kriminalisierungen, Attentate, Verschwindenlassen und Mord. Besonders perfide ist die Bedrohung von den MRV nahestehenden Menschen wie Familienmitgliedern. Fast immer werden diese Gewaltformen von den jeweiligen Aggressor*innen strategisch eskalierend eingesetzt, um die ihren Interessen gefährlich werdenden MRV sukzessive einzuschüchtern und sie zur Arbeitsniederlegung zu drängen. Eine entscheidende Rolle übernehmen in diesem Kontext fragile staatliche Institutionen und die damit einhergehende Straflosigkeit, die die Möglichkeit der Rechtswege für MRV wenig erfolgversprechend gestalten. Aus diesem Grund ist die internationale Aufmerksamkeit zentral, wenn es darum geht, Verbrechen an MRV zu ahnden oder im besten Fall zu verhindern.

FF: pbi betont Respekt gegenüber Autonomie und Selbstbestimmung der Menschen in den lokalen Konfliktregionen – was bedeutet dies für die Konfliktbearbeitung von pbi vor Ort?

JK: pbi ist der festen Überzeugung, dass nachhaltige Konflikttransformationsprozesse nicht von außen, sondern von lokalen Expert*innen gestaltet werden müssen. Für unsere Teams bedeutet das, sich ausdrücklich nicht in die inhaltliche Arbeit der begleiteten MRV einzumischen. Praktisch führt dieser Leitsatz dazu, dass Schutzbegleiter*innen etwa bei einer begleiteten Versammlung vor der Tür warten und damit zwar von außen für potentielle Aggressor*innen sichtbar sind, nicht aber die Diskussionen durch ihre Anwesenheit potentiell beeinflussen. Diese Zurückhaltung ist in der Praxis durchaus herausfordernd und ein stetiger Lernprozess.

FF: Was sind Voraussetzungen, um sich für den Einsatz als freiwillige Schutzbegleiter*in in Konfliktgebieten im Ausland ausbilden zu lassen? Was war Deine Motivation für dieses friedenspolitische Engagement?

JK: Neben guten Kenntnissen der jeweiligen Landessprache ist ein hohes Maß an Analysekompetenz, Selbstreflexion und emotionaler Stabilität erforderlich, um den Projektalltag konstruktiv zu gestalten. Mich selbst motivierte die Frage, was Menschenrechtsarbeit in einem hoch-konfliktiven Kontext bedeutet; welche Gesichter, welche Dynamiken, welche Herausforderungen und Potentiale sich hinter diesem großen Begriff verbergen. pbi bot mir die Möglichkeit, mich dieser Frage mit einem ethischen Anspruch zu widmen.

FF: Der Einsatz zum Schutz der akut von Gewalt bedrohten Menschenrechtsverteidiger*innen ist nicht ungefährlich. Welche handlungsleitenden Richtlinien sind die Grundlage für die Sicherheit der Begleitenden?

JK: Essentiell für den Schutz der begleiteten MRV ist immer die Sicherheit unserer Teams. Zu diesem Zweck gibt es in jedem pbi-Projekt etwa kontextspezifische Sicherheitsprotokolle, ein stetes Monitoring sowie beratenden Input von Expert*innen, die ihre Einschätzungen von außen einbringen. Auch unser internationales Unterstützer*innennetzwerk, welches ad hoc politisch agieren kann, bildet eine wertvolle Komponente unseres Sicherheitsnetzes. Nicht zuletzt hilft es im Projektalltag sehr, dass Entscheidungen – etwa für oder gegen eine Begleitanfrage — auf Grundlage der Erfahrungswerte der Organisation und im Konsensverfahren getroffen werden. Das minimiert das Risiko einer risikobehafteten Fehleinschätzung.

FF: Neben der physischen Schutzbegleitung ist auch der Kontakt zur Politik, Zivilgesellschaft und zu allen Konfliktparteien notwendig. Auf welche Weise gewährleistet pbi die Avocacyarbeit?

JK: Advocacyarbeit als politisches Engagement für Dritte ist ein elementarer Pfeiler unseres Schutzkonzepts, da der in diesem Rahmen aufgebaute internationale Druck ein wirksames Mittel ist, um Gewalt und Menschenrechtsverletzungen zu verhindern. Aufgrund dieser Relevanz und dank der globalen Struktur pbis sind wir im Bereich Advocacy weltweit tätig und können in Folge der langjährigen Arbeit auf ein großes Netzwerk bauen. Wir haben durch unser „vor-Ort-sein“ den Vorteil, über Informationen aus erster Hand zu verfügen und MRV als Expert*innen unmittelbar einzubinden.

FF: Das Zusammenleben im internationalen Team während eines Jahres will sicherlich auch gelernt sein. Wie bearbeitet ihr Eure unterschiedlichen Erfahrungen im Einsatz? Kommt auch die Konsensentscheidungsfindung zum Tragen, z.B. bei der Frage für oder gegen einen Einsatz?

JK: Das ist eine der Herausforderungen als Schutzbegleiter*in, die oftmals unterschätzt wird. Das enge Zusammensein im Team, die konstante Alarmbereitschaft und die Erfahrung von teils hochemotionalen Situationen mit Begleiteten können sich zu einer enormen Belastungssituation akkumulieren. Daher ist es ungemein wichtig, auf individueller und struktureller Ebene Mechanismen zu implementieren, die diese Dauerbelastung möglichst effektiv auffangen. Dazu gehören bei pbi beispielsweise regelmäßige Sitzungen mit kontextsensiblen Supervisor*innen, Einzelgespräche mit Psycholog*innen und die enge Betreuung durch Menschen aus dem Projektumfeld. Essentiell ist auch, dass Begleitungen immer von mindestens zwei Schutzbegleiter*innen durchgeführt werden, da so der direkte Austausch über das Erlebte gewährleistet ist.

Ich danke sehr für das Interview! Mehr Informationen unter: www.pbi-deutschland.de

Renate Wanie ist Redakteurin des Friedensforums und Mitglied im Vorstand des Eine-Welt-Zentrums Heidelberg; alljährlich lädt sie während des Latino-Festivals des EWZ pbi-Referent*innen ein. Joana Kathe war Referentin beim Fachgespräch des BSV zur Qualifizierung im Zivilen Peacekeeping, dessen Doku hier zu finden ist: https://soziale-verteidigung.de/artikel/doku-qualifizierung-zivilen-peac…

Quelle: FriedensForum Heft 2/2021