„Durch das Jahr in Mexiko habe ich viel über mich gelernt.“

Jannika Röminger verbrachte ein Jahr, von Januar 2013 bis Anfang 2014, als Freiwillige im pbi-Mexikoprojekt im Bundesstaat Oaxaca. In diesem Erfahrungsbericht spricht sie über zwei Aspekte, die sie während ihrer Zeit im Projekt sehr geprägt haben.

(Foto: Jannika Röminger (rechts) und eine weitere Freiwillige mit einem Mitglied von Codigo-DH.)


„Ein Aufenthalt mit pbi in einem Projektland beinhaltet die unterschiedlichsten Aspekte. Wenn ich an mein Jahr in Oaxaca/Mexiko zurückdenke, fallen mir vor allem zwei ein: einerseits das Kennenlernen und Begleiten der mutigen Menschenrechtsverteidiger_innen, die sich trotz vieler Widrigkeiten für ein gerechteres, friedlicheres und demokratischeres Mexiko einsetzen; andererseits die intensive Zeit des Zusammenlebens und -arbeitens im Team. Zwei sehr unterschiedliche Aspekte, doch gleichzeitig für viele Freiwillige sicher auch die prägendsten Erfahrungen. Zu beiden möchte ich gern ein paar Worte sagen.

Menschen zu begleiten kann viele Formen annehmen

Vielen fallen, wenn sie an pbi-Begleitung denken, gleich die tagelangen,  abenteuerlich anmutenden Exkursionen in fernab gelegene, nur über Schotterpisten oder schmale Pfade zu erreichende Regionen ein – häufig mit vielen Fußmärschen verbunden und der Notwendigkeit, stets ein Satellitentelefon bei sich zu tragen, weil in diesen Gegenden auf Handyempfang nicht gebaut werden kann. Natürlich können derartige Szenarien bei einer pbi-Begleitung in Mexiko auch mal vorkommen, doch sind sie nicht der Alltag. Vielmehr wird unser Team mit Sitz in Oaxaca, der Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates, oft um Begleitungen innerhalb der Stadt gebeten. Beispielsweise wenn Organisationen einen Termin bei der Staatsanwaltschaft haben oder an einem runden Tisch mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen und Regierungsvertretern_innen teilnehmen. Dies sind dann meist kurze Begleitungen von ein paar Stunden, bei denen unsere Begleiteten sichtbar machen möchten, dass hinter ihnen eine internationale Organisation steht, der es wichtig ist, dass die Anliegen der Menschenrechtsverteidiger_innen gehört werden. Zu einer Begleitsituation zählt aber auch, wenn wir als Zweierteam mit Bügelfaltenhose und Jackett, als sogenanntes „IcA“ (Interlocución con Autoridad), einen Gesprächstermin mit einem_r Vertreter_in der mexikanischen Kommunal-, Staats- oder Bundesregierung wahrnehmen und unsere Besorgnis über die Sicherheitssituation von Menschenrechtsverteidiger_innen ausdrücken. Oder im Treffen mit einer_m Botschafter_in oder UN-Gesandten um dessen_deren Teilnahme im internationalen Unterstützernetzwerk von pbi bitten. Auch die vielen Stunden im pbi-Büro, die man mit Analysearbeit, dem Verfassen von Berichten oder dem Planen eines Sicherheits-Workshops verbringt, sind Teil der pbi-Begleitung. Im Zentrum all dieser Formen der Begleitung stehen stets die Menschenrechtsverteidiger_innen: Frauen und Männer, die sich für verschiedene soziale, ökologische oder kulturelle Ziele einsetzen und deren Arbeit ich während des Jahres ein wenig besser kennenlernen durfte.

Leben und Arbeiten unter einem Dach: eine intensive Teamerfahrung

Für mich war es die zweite wichtige Erfahrung – und eine sehr eindringliche zugleich. Klar haben viele, die zu pbi stoßen, vorher bereits in WGs gelebt, mit internationalen Kolleg_innen gearbeitet oder als Gruppe Entscheidungen im Konsens getroffen. Doch bei pbi kommt all dies zusammen: Ein und dieselbe Person kann mein_e Kolleg_in, Mitbewohner_in, Freund_in und im Zweifelsfall auch noch Zimmergenoss_in sein. Grenzen verschwimmen, und natürlich bergen derlei Konstellationen auch immer ein gewisses Konfliktpotenzial. So lernt man innerhalb  eines Jahres auch einiges über den ganz persönlichen Umgang mit solchen Situationen und man hat Gelegenheit, eigene Muster und Verhaltensweisen zu reflektieren. Doch diese intensive Zeit, die man gemeinsam mit anderen Menschen aus unterschiedlichen Ländern verbringt, bringt gleichzeitig auch viel Schönes, Interessantes und Amüsantes mit sich: So erfuhr ich beispielsweise viel über niederländische Feiertagsrituale, probierte die „perfekte“ italienische Pasta, lernte spanische Geburtstagslieder und erlebte französisches „savoir vivre“.

Es war ein sehr intensives und facettenreiches Jahr – so lässt sich mein Aufenthalt in Mexiko vielleicht am besten beschreiben. Obgleich es zwischendurch natürlich auch schwierige Momente gab, sind all diese Erfahrungen und Eindrücke – sei es in der Arbeit mit den Menschenrechtsverteidiger_innen oder die im Team verbrachte Zeit – sehr wertvoll und haben mir die Möglichkeit gegeben, jede Menge Neues zu lernen.“ 


Anmerkung: Im Sommer-Rundbrief 2014 können Sie außerdem lesen, wie Jannikas Weg ins Mexiko-Projekt verlaufen ist.